Generationenbeziehungen

Ausgewählte Einstellungen, Handlungsorientierungen und Lebensbedingungen zu Aspekten der Generationenbeziehungen in Deutschland 2005

Inhalt:

  • Das Miteinander der Generationen im Kontext demografischer Entwicklungen
  • Demographische Bedingungen der Generationenbeziehungen
  • Zum Bild des Alters bei den Generationen
  • Rentengerechtigkeit und Rentenerwartungen
  • Die Familie: Miteinander - Füreinander - trotz widriger gesellschaftlicher Bedingungen
  • Hilfe und Unterstützung
  • Finanzielle Transfers 58 Soziales Engagement
  • Literatur

Ausgewählte Einstellungen, Handlungsorientierungen und Lebensbedingungen zu Aspekten der Generationenbeziehungen Das Miteinander der Generationen im Kontext demografischer Entwicklungen Wenn auch niemand je einen Generationenvertrag in Deutschland zu Papier gebracht oder gesehen hat, so besteht zumindest eine übereinstimmende Meinung darüber, dass es - sowohl in der Familie als auch in der Gesellschaft - der gegenseitigen Hilfe und Unterstützung bedarf, um das Zusammenleben aller zum bestmöglichen Nutzen für alle zu organisieren. Dieses Zusammenwirken - im Sinne moralischer Vereinbarung - könnte, im weitesten Sinne, als Generationenvertrag gekennzeichnet werden. Die öffentliche Diskussion wird demgegenüber fast ausschließlich auf das reduziert, worum es der Politik vorrangig geht, auf die Finanzierbarkeit der Alterssicherung. Generationsbeziehungen, ob im Sinne eines eher monetär verstandenen Generationenvertrages oder von solidarischem Miteinander sind zuvorderst die sich im wechselseitigen Agieren von Altersgruppen herausbildenden Geflechte gegenseitigen Gebens und Nehmens auf den verschiedenen Ebenen gesellschaftlichem oder familialen Handelns. Generationenbeziehungen sind jedoch nicht einseitig auf monetäre Abhängigkeiten (Finanztransfers) in der Gesellschaft reduzierbar. Das Miteinander der Generationen erfasst eine breite Palette von gegenseitigen Beziehungen und Leistungen. Es handelt sich letztlich um Aufgaben-, Verantwortungs- und "Lasten"aufteilung und nicht allein um Finanzströme oder Erbe und Vermögen.

Zum Generationenbegriff Generationen beruhen auf der Abfolge von Geburt und Tod. Sie sind zunächst durch die Fortsetzung des menschlichen Lebens als Gattungswesen über die Lebensspanne einzelner Individuen hinaus charakterisiert. Indem Eltern Kinder zeugen und auf ein Leben als Erwachsene vorbereiten, geben sie nicht nur ihr genetisches Material weiter, sondern reproduzieren auch die Beziehungen und Verhältnisse eines Sozialverbandes, in dem die Menschen ihr Leben gestalten. Die Unterscheidung von Generationen ist in diesem reproduktiven Sinn an die Beziehung von Eltern und Kinder - und im weiteren Lebensverlauf an die Beziehungen der Großeltern zu den Enkeln - geknüpft. Dabei kommt es nicht nur zu Überlappungen der Lebensspanne von Eltern - Kind - Beziehungen mit denen der Großeltern zu den Enkeln innerhalb einer Familie, so dass Eltern gleichzeitig auch Kinder sein können. Innerhalb eines Sozialverbandes kommt es zu einer steten Abfolge von generativen Beziehungen, weil die Geburt von Kindern kontinuierlich erfolgt, sodass ein stetes Hinein- und Hinauswachsen der Menschen aus einem generativen Status in einen anderen erfolgt. Die Reproduktion der Gattung, der materiellen Lebensbedingungen und die der sozialen Beziehungen und Verhältnisse, ist daher von Kontinuität innerhalb eines Verbandes (einer Gesellschaft) wie auch von Diskontinuität innerhalb der Familien geprägt. Die Bestimmung der Generationen innerhalb einer Gesellschaft ist daher eine historisch kontingente Festlegung, obwohl sie auf der eindeutigen familialen Zuordnung von Eltern- und Kindschaft beruht.

In unseren modernen Gesellschaften hat die Aufmerksamkeit für die gesellschaftliche Bestimmung und Abgrenzung von Generationen vor allem aus zweierlei Gründen zugenommen. Einerseits sind moderne Gesellschaften von einem raschen sozialen Wandel gekennzeichnet. In diesem Wandel verändern sich ständig die materiellen Lebensgrundlagen der Gesellschaft, ändern sich die Lebensweisen und Lebensorientierungen von Menschen und mit ihnen die gesellschaftlichen Beziehungen. Die jeweiligen Veränderungen, die ideell mit den Ideen des Fortschritts verbunden sind, werden (zurecht oder nicht) dem Handeln und den Zielstellungen des jeweils aktiven Teils der Bevölkerung zugeschrieben, so dass im Hinblick auf die Zukunft der Gesellschaft die Aufmerksamkeit auf den jüngeren Gesellschaftsmitgliedern liegt. In diesem Sinn erfolgen Zurechnungen von Beiträgen für die Entwicklung der Gesellschaft, die den Jüngeren den Part der Veränderungsorientierung zuweisen und den Älteren den Part der Erhaltung und des Bestandes. Die Auseinandersetzungen um gesellschaftliche Veränderungen sind daher in modernen Gesellschaften oft mit einer Entgegensetzung von realen oder vermeintlichen Interessen an gesellschaftlichem Wandel zwischen Jung und Alt verbunden.

K. Mannheim hat als einer der Ersten auf diesen Gesichtspunkt der Trägerschaft sozialen Konfliktes und Wandels hingewiesen (vgl. Mannheim, 1928). In diesem Sinn stehen sich in modernen Gesellschaften Generationen als Aktivisten oder Gegner von Veränderungen gegenüber. Klar sollte sein, dass eine derartige Gegenüberstellung nur sehr begrenzt mit der altersmäßigen Zuordnung von Generationen übereinstimmt, weil die Merkmale einer solchen Bestimmung der Generationen an die Verfolgung von Handlungsorientierungen geknüpft sind und nicht eins zu eins den Altersgruppen zugeordnet werden können. Dennoch lässt sich in historischer Perspektive sehr pauschal feststellen, dass rascher gesellschaftlicher Wandel eher von Jüngeren getragen und vorangetrieben wurde als von den jeweils älteren Gesellschaftsmitgliedern.

Das kann man in dieser Pauschalität sowohl für die Aufgeschlossenheit gegenüber technischen und technologischen Veränderungen sagen, für die Akzeptanz von Wertveränderungen und insbesondere auch für soziale Bewegungen. Wie die Beziehungen von Altersgruppen im Hinblick auf gesellschaftliche Veränderungsanforderungen und Veränderungsmöglichkeiten gestaltet sind, war und ist sehr unterschiedlich. So kam es in Abständen zur Ausrufung eines Generationenkonfliktes, in dem es um die gesellschaftliche Dominanz kultureller Ideen und die Vorherrschaft dieser Ideen in den gesellschaftlichen Institutionen und bei ihrer Gestaltung ging. Die Regel ist aber - bei aller Anerkennung von Unterschieden in den Lebensorientierungen zwischen Jung und Alt - eine Überbrückung bzw. Lösung derartiger kultureller Differenzen vor dem Hintergrund vielfältiger materieller und sozialer Gegenseitigkeiten und - infolge dessen - ein mehr oder minder einvernehmliches Miteinander in der Auseinandersetzung über Fragen der gesellschaftlichen Anerkennung und Akzeptanz von generativen Lebensorientierungen. Zweitens stellte sich die Generationenfrage angesichts der möglichen Beiträge, die die Angehörigen von bestimmten Altersgruppen für die Gesellschaft und vor allem in der Produktion und Sicherung der materiellen Lebensbedingungen leisten können. Dabei zerfällt die Gesellschaft in einen aktiven Teil, den Erwerbstätigen oder genauer: den Arbeitenden, und zwei Teile der Nicht-Arbeitenden, den Kindern und den Rentnern. Diese Differenzierung beruht auch heute noch auf der sozialökonomischen Form, in der der gesellschaftliche Reichtum produziert und verteilt wird. Die Tatsache, dass auf gesellschaftlicher Ebene Tätigkeiten als Arbeit und Arbeitsleistungen vor allem dann anerkannt werden, wenn sie in der Form der arbeitsteilig erbrachten Erwerbsarbeit verrichtet werden und andere Leistungen, insbesondere in Bereichen der sozialen Reproduktion der Gesellschaft (Stichwort Familienarbeit), nicht mehr oder nur eng begrenzt die Grundlage der Sicherung des Lebensunterhaltes bilden können.

In dieser Unterscheidung von Lebensphasen der aktiven Erwerbsbeteiligung (oder allgemein all derer, die durch Arbeit an der Reproduktion der Gesellschaft teilhaben) geht es um die Frage, wie die Nicht- Aktiven am gesellschaftlich produzierten Reichtum partizipieren können und sollen. In diesem Sinn geht es nicht um die Verteilung von Macht und kulturellem Einfluss, sondern um die Verteilung mate5 rieller Ressourcen. Dieser Erwerbszentrierung der Produktion materieller Güter und Leistungen entspricht die institutionelle Organisation der sozialstaatlich institutionalisierten Verteilung von Ressourcen auf die nicht aktiven Teile der Bevölkerung. In dieser Beziehung der sozialpolitisch definierten und gesetzlich geregelten Umverteilung von erwerbsmäßig erzielten Primäreinkommen auf nicht aktive Teile der Bevölkerung stehen sich Aktive und Nicht-Aktive in einem zeitlich versetzten Generationenverhältnis gegenüber. Gesellschaftliche Beziehungen und Verhältnisse zwischen Menschengruppen können und konnten daher sowohl in primär kultureller und in verteilungspolitischer Hinsicht als Generationenbeziehungen manifestieren. Derartige Gegenüberstellungen von Menschengruppen als Generationen - insbesondere im Hinblick auf Fragen des Anteils am verfügbaren gesellschaftlichen Einkommen bedeuten jedoch nicht notwendig, dass sie als gesellschaftlicher Konflikt aufgefasst und behandelt werden. Im Gegenteil, einer der wichtigsten Formen gesellschaftlicher Umverteilung, die Altersrenten, liegt ein Miteinander der Generationen, eine gegenseitige - wenn auch zeitlich versetzte - Verpflichtung zugrunde. Die Beziehungen von Altersgruppen konstituieren sich in vielen Gebieten des Zusammenhandelns und der Interaktion mehr innerhalb als außerhalb gesellschaftlich bestimmter und institutionell festgelegter Formen. Dabei finden wir unterschiedliche Regulationen dieser Kooperation. Auf der einen Seite stoßen wir in jeder Gesellschaft auf wechselseitige Verhaltenserwartungen, die Angehörige von Gruppen aneinander richten. Diese Verhaltenserwartungen - auch soziale Rollen genannt - beruhen auf gesellschaftlich verbreiteten und teils anerkannten, teils umkämpften Vorstellungen und Bildern über Merkmale der eigenen und der jeweils anderen Gruppe. Gleichzeitig treffen wir gesellschaftlich festgelegte und regulierte Formen an, in denen sich der Lebensverlauf der Menschen ereignet und in denen daher die Zugehörigkeiten zu Altersgruppen als Generationen bestimmt werden.

Diese „Institutionalisierung“ des Lebensverlaufes ist ganz im Sinn der oben angesprochenen Verteilungsbeziehungen an die Regularien des Erwerbslebens geknüpft. Rollenerwartungen und institutionalisierter Lebensverlauf bedingen einen wesentlichen Teil der gesellschaftlich festgelegten Regeln, in denen sich das Altern von Menschen, ihre Zugehörigkeit zu der einen oder anderen generativen Gruppe und die daraus folgenden Verhaltensmuster bestimmt werden. Diese Formen des Lebensverlaufes beinhalten auch Regeln für die Beziehungen unterschiedlicher Alterskohorten zueinander, angefangen von der Zuweisung zu Erwerbspositionen und somit von Einkommensanteilen bis hin zu Fragen der moralischen Verhaltenskonditionierung zwischen Jüngeren und Älteren. Mit der Rollenzuweisung an die einzelnen Menschen (also der zugemuteten Verhaltenserwartungen durch Andere) wird der Unterschied von Alt und Jung manifestiert. An Jüngere werden andere Verhaltenserwartungen gerichtet als an Ältere. Diese Rollenerwartungen können eine sehr klare Distinktion und einen u.U. sehr deutlichen Aufforderungscharakter annehmen. Wenn und insofern das geschieht, haben wir es mit einem klaren Bild der Generationen zu tun.

Die Unterscheidbarkeit von Generationen und Generationenrollen, die den einzelnen Menschen zugewiesen werden, ist jedoch nicht gleichförmig über verschiedene Lebensbereiche der Gesellschaft verteilt. Während sie in den Familien noch eindeutig ist, verschwimmt in den Räumen des öffentlichen Lebens, in denen die Grenzen zwischen den Altersgruppen mal fließend und mal deutlich sein können. Daher sind die Fragen des Miteinander oder Gegeneinander von Ideen und Interessen nicht von vorn herein an eine Festlegung an Generationen verbunden. Dort, wo das Zusammenhandeln der Menschen von einer kontinuierlichen Verteilung der Altersjahrgänge gekennzeichnet ist, kommen Unterschiede 6 in den Generationen weniger deutlich zum Ausdruck. Dort, wo eine institutionelle oder sozialräumliche Trennung von Altersjahrgängen anzutreffen ist, gewinnen die internen Beziehungen innerhalb der Altersgruppen an Gewicht und die Unterschiede zwischen den Gruppen verlangen nach einer besonderen Vermittlung. Wir erwähnen diese Ambivalenz sozialen Rahmenbedingungen von Generationenbeziehungen, weil die institutionelle Rollenzuweisung und sozialräumliche Segregation von Altersgruppen für ihr Zusammenleben in unserer Gesellschaft einen durchaus unterschiedlichen Stellenwert haben kann. So ist der Ausschluss bzw. der Austritt von Älteren aus dem Erwerbsprozess in vielerlei Hinsicht eine Errungenschaft und gehört zu den wohl verdienten "Privilegien", die Ältere (Rentner) in der Gegenwart im Unterschied zu vormodernen Gesellschaften genießen. Gleichzeitig ist die Trennung von Arbeit und Alter aber auch problematisch. Sie ist es in den Organisationen der Erwerbsarbeit, weil die Älteren - wie es unter den gegenwärtigen Bedingungen des Arbeitsmarktes der Fall ist - unter Ausgrenzungsdruck geraten und ungewollt in ein Konkurrenzverhältnis um Arbeitsplätze zu Jüngeren gesetzt werden und weil die Erfahrungen der Älteren nicht weiter nutzbar sind. Die Trennung ist aber auch für die einzelnen Betroffenen problematisch, weil mit dem Ausscheiden auch ein, wenn nicht der wesentliche Ingerationszusammenhang in die Gesellschaft unterbrochen wird. Die Umstellungen, die mit dem Renteneintritt verbunden sind, stellen für nicht wenige (und vor allem für Männer) oft eine Herausforderung dar. Die Schwierigkeiten, denen sich die Altersrentner vor allem dann ausgesetzt sehen, nachdem sie aus dem Erwerbsprozess ausgeschieden sind, sind vielfältig und betreffen sie nicht nur persönlich, sondern sie stellen auch erhebliche Anforderungen an die Gesellschaft. Mit dem Renteneintritt erfolgt in der Regel eine Privatisierung der Lebensverhältnisse.

Die Beendigung der Berufstätigkeit bedeutet praktisch eine Einschränkung und oft den gänzlichen Verlust der Kontakte zu all den Bereichen der Gesellschaft, für die die Teilhabe an der Erwerbsarbeit eine Voraussetzung war. So ist mit der Einbindung in betriebliche Arbeitsverhältnisse nicht nur ein Kontakt zu den Kolleginnen und Kollegen als persönliche Beziehung gegeben, sondern auch eine Integration in eine gesellschaftliche Organisationsform, mit der die Teilhabe an weiteren Bereichen verbunden ist. Betriebliche Integration bedeutet auch die Teilnahme an gesellschaftlichen Prozessen, die sich im betrieblichen Leben niederschlagen. Damit sind auf der einen Seite Veränderungen in den technischen und technologischen Bedingungen gemeint, vermittels derer die Beteiligten am technischen Fortschritt teilhaben. Sie werden dabei mit Neuerungen in Kontakt gebracht, die insbesondere für die gesellschaftliche Kommunikation von immer größerer Bedeutung sind. Mit der betrieblichen Integration sind darüber hinaus Erfahrungen verbunden, die die Belegschaften in verschiedenen Auseinandersetzungen um die betrieblichen Belange machen. Inhalte und Formen von betrieblichen oder allgemein erwerbsbezogenen Diskursen und Auseinandersetzungen prägen die sozialen Erfahrungen in erheblichem Maße. Vermittels der betrieblichen Organisation sind die Erwerbstätigen in ein weites Feld gesellschaftlicher Veränderungen eingebunden. Die Gespräche und Kontakte vermitteln nicht nur betriebliche Prozesse, sondern auch weitreichende Sozialisationserfahrungen bis hin zu politischen Meinungsbildungen. Integration im Rahmen von Erwerbsarbeit vermittelt aber auch Kontakte und Beziehungen über den betrieblichen Zusammenhang hinaus. Häufig sind auch Freizeitaktivitäten mit sozialen Beziehungen verbunden, die unmittelbar oder mittelbar auf beruflichen Kontakten beruhen. Auch wenn es nicht 7 unmittelbar die eigenen Arbeitskollegen sind, die in die eigene Freizeit eingeschlossen sind, so verknüpfen sich doch auch Freizeitkontakte nicht selten mit den Erwerbserfahrungen. Diese Beziehungen fallen nach dem Ausscheiden aus dem Beruf weitgehend fort und müssten durch andere ersetzt werden. Aber auch wenn sie Kontakte und Begegnungen nicht ganz entfallen, so stellt sich doch mehr oder weniger rasch das Erlebnis ein, an den Problemen und Themen derjenigen, die noch im Erwerbsprozess sind, nicht mehr beteiligt zu sein.

Die Perspektiven und Horizonte verändern sich, der Kontakt verliert an gemeinsamen Themen. Aber nicht nur für die Menschen, die in eine neue Lebensphase eintreten, sind andere Verhaltensstrategien erforderlich. Auch "der Gesellschaft" bzw. den Betrieben gehen wertvolle Erfahrungen verloren. Der notwendige Verzicht auf diese Erfahrungen bekommt in der Zukunft einen besonderen Stellenwert angesichts der allgemeinen Alterung der Belegschaften und eines zunehmenden Mangels an Fachkräften (vgl. exemplarisch Papies, S. 77). Aus der Sicht der Einzelnen bedeutet das Ausscheiden aus dem Erwerbsprozess, sich auf andere Weise in gesellschaftliche Zusammenhänge zu integrieren. Dabei müssten Organisationen, Verbände und Parteien eine nicht unbedeutende Rolle spielen. Sicherlich kann man heute davon sprechen, dass altersspezifische Begegnungs- und Aktivitätsformen in unterschiedlichen Kontexten immer häufiger werden. Aber die Integrationsprobleme der zunehmenden Zahl Älterer werden in Zukunft nicht geringer.

Für Menschen, die noch in der DDR berufliche Erfahrungen machten, ist zudem die besondere Funktion betrieblicher Integration entfallen, die sich auf eine Vielzahl von sozialen Leistungen und gesellschaftlichen Zusammenhängen erstreckten. Sie waren in vielerlei Hinsicht genötigt, die Handhabung und Bewältigung sozialer Teilhabe als Privatleute zu organisieren. Diese mit der Systemtransformation verbundene Umstellung der Organisation sozialer Teilhabe musste mitnichten nur oder vornehmlich als Nachteil bewertet werden. Für die Probleme der gesellschaftlichen Integration Älterer ist sie sicherlich ein zusätzlicher Verlust. Neben diesen Anforderungen, die eigene gesellschaftliche Integration nach dem Ausscheiden aus dem Erwerbsprozess im wesentlichen als Privatier vollziehen zu müssen, treten die Umstellungsnotwendigkeiten im familiären Leben, dem Freundes- und Bekanntenkreis und der Nachbarschaft. Eine Reihe von Studien weist darauf hin, dass insbesondere auch im Partnerschaftsverhältnis von ehemals Erwerbstätigen Veränderungen eintreten, die für die Partner eine Herausforderung darstellen. So ist auf der einen Seite davon gesprochen worden, dass Alterung mehr und mehr "weiblichen" Charakter bekommt. Damit ist nicht nur gemeint, dass die Lebenslagen von Älteren und insbesondere sehr Alten durch das quantitative Übergewicht der Frauen mitbestimmt sind. Es ist damit auch gemeint, dass Verhaltenserwartungen auch an Männer gerichtet werden, die in traditioneller Sicht vornehmlich Frauen in ihrem Bezug auf die häusliche Sphäre und die Hausarbeit entgegen gebracht wurden. Das mag in der einen oder anderen Hinsicht auch der Fall sein, aber gegen die These von der "Feminisierung" des Alters ist auch entgegengesetzt worden, dass sich die ungleichen Lebenslagen von Männern und Frauen auch im Alter für die Lebensführung bedeutsam sind. Die Ungleichheiten verlängern sich ins Alter hinein. Das betrifft nicht nur die Ungleichheiten zwischen jeweils allein lebenden Männern und Frauen, sondern auch die Beziehungen zwischen den Geschlechtern innerhalb von Partnerschaften Älterer (vgl. Backes, S. 34). Alterungsprozesse sind aber auch durch die sozialräumlichen Beziehungen sowohl innerhalb von Familien als auch in anderen Beziehungsformen gekennzeichnet. Sozialräumlichen Segregationen der 8 Generationen haben viele Erscheindungsformen und Ursachen.

So gefährden Mobilitätsprozesse den Zusammenhalt in Familien, urbane Prozesse der Bevölkerungssegregation führen zu Ballungen sowohl Altersgleicher, wie Angehöriger gleicher sozialer Schichten und die anstaltsförmige Zusammenfassung von Altersgleichen in der sozialen Hilfe und insbesondere Pflege schränken die Begegnungen zwischen Jüngeren und Älteren ein. Die Gesellschaft steht also - nicht erst seit heute - vor dem Problem, für den Zusammenhalt, die Kooperation und gegenseitige Hilfe der Generationen untereinander, die hinreichenden Bedingungen beriet zu stellen. Die Generationenbeziehungen sind vor dem Hintergrund verschiedener gesellschaftlicher Entwicklungen in den letzten Jahren in die Diskussion gekommen. Diese Diskussionen sind sehr unterschiedlich in ihrem Sachbezug und in ihrer Intension. Vor allem Gegensätze und Konflikte sind dabei betont worden, die die Notwendigkeit des wechselseitigen Gebens und Nehmens der Angehörigen unterschiedlicher Generationen ignorieren. Der Tenor der Diskussionen birgt dabei die Gefahr, dass aus der Beschreibung eines vermeintlichen, problematischen Konfliktes eine "self-fulfillig-prophecy" wird, eine sich selbst erfüllende Prophezeiung, die den Konflikt erst herbeiredet.

Wir haben uns mit der Studie zum Ziel gesetzt, an Hand einiger Felder der insgesamt komplexen Generationenverhältnisse zu prüfen, ob die herbeigeredeten Generationenkonflikte in der Gesellschaft tatsächlich anzutreffen sind. Ob es in den wechselseitigen Beziehungen, den wechselseitigen Wahrnehmungen und Anerkennungen, zu problematischen Entgegensetzungen der Generationen gekommen ist, oder kommt. Dabei konzentrieren wir uns auf drei Fragen, die mit den Beziehungen der Generationen zusammenhängen. Erstens gehen wir auf die demographischen Bedingungen ein. Diese sind vor allem durch die quantitativen Verhältnisse der Altergruppen und die auf diese Verhältnisse einwirkenden Faktoren bestimmt. Sie sind aber auch bestimmt durch die räumliche Verteilung der Altersgruppen und daher auch mit Prozessen der Mobilität und daraus folgender sozialräumlicher Trennung. Zweitens gehen wir auf einen Aspekt der Verteilung von Anteilen am gesellschaftlich produzierten Reichtum ein, der in der öffentlichen Diskussion der Vergangenheit eine besondere Rolle gespielt hat, auf die Rentenfrage und das Problem der Rentengerechtigkeit. Drittens untersuchen wir die Ausprägung von Einstellungen, Erwartungen und Verhaltensweisen, die den Charakter der familiären Beziehungen mitprägen.